Robert Becker war an einem 2003 gestarteten Waldflurbereinigungsprojekt in Thüringen beteiligt, mit dessen Hilfe die Waldgenossenschaft Wölfershausen 2012 wiederbelebt wurde. Er hat uns erklärt, was es bedeutet eine Waldgenossenschaft zu führen und worauf es dabei ankommt.

Herr Becker, was ist das besondere an einer Waldgenossenschaft und wie organisieren sich die Waldeigentümer?

Die gemeinschaftliche Bewirtschaftung des Waldeigentums zum Nutzen der Waldgenossen und zum Wohle der Allgemeinheit ist satzungsmäßig erklärtes Ziel unserer Waldgenossenschaft (WG). Dass dies natürlich in Form einer ordnungsgemäßen Forstwirtschaft erfolgt, zu dem die WG als Wirtschafterin auch gesetzlich verpflichtet ist, versteht sich von selbst.

Die Waldgenossenschaften in unserer Gegend sind zumeist sogenannte  „altrechtliche Waldgenossenschaften“. Immobilien wie Wald, Feld, Gewässer oder Gebäude können im Eigentum dieser  Gesamthandsgemeinschaften sein. So ist lediglich die Waldgenossenschaft im Grundbuch vermerkt. Der Vorstand führt sogenannte „Lagerbücher“ mit grundbuchähnlichem Charakter. Hier sind die Besitzanteile eines jeden Genossen vermerkt. Waldgenosse kann man also werden, wenn man in Besitz von Anteilen gelangt. Die Eintragung oder jegliche Veränderung der im Lagerbuch geführten Anteile bedarf der Vorlage eines privatrechtlichen Vertrages, besser Notarvertrages über Kauf oder Verkauf von Anteilen, oder dem Erbschein beim Vorstand. Das Waldgesetz verpflichtet die Forstbehörden zur Kontrolle dieser Vorgänge.

Das Besondere einer WG ist die gemeinschaftliche Bewirtschaftung des Waldvermögens. Das höchste  Organ in unserer Waldgenossenschaft ist die Mitgliederversammlung. Sie wird auf Wunsch der Mitglieder, aber mindestens einmal im Jahr, einberufen. Ihr obliegt die Wahl und Kontrolle des Vorstandes. Sie hat die Beschlusshoheit für wesentliche Vorgänge in der Genossenschaft, z.B. über die Durchführung des Betriebs- und Wirtschaftsplans.

Für mich bedeutet aber die gemeinsame Bewirtschaftung vor Allem, dass unsere Waldgenossen bewusst die Gemeinschaft organisieren und pflegen.

Wir möchten alles zum Wohle unseres Waldes und unseres Miteinanders tun.

Wie kam es zur Entstehung Ihrer Waldgenossenschaft?

Unsere Waldgenossenschaft existiert schon seit über 100 Jahren. Leider wurden zu DDR –Zeiten die Fortschreibung des Eigentums im Grundbuch und im Lagerbuch seitens der Waldgenossen sehr vernachlässigt. So kam es, dass hier zum Teil unbekannte oder längst Waldbegehung im Oktober 2014 (3)verstorbene Alteigentümer verzeichnet waren, jedoch nicht die Aktuellen. Aus diesem Zustand heraus war es unmöglich, die Mehrzahl der Genossen zu einer Mitgliederversammlung einzuladen. Nach verschiedenen Rechercheversuchen zeichnete sich das Dilemma immer deutlicher ab.

Zur gleichen Zeit wurde in unserer Feldlage ein Flurbereinigungsverfahren im Zusammenhang mit dem Autobahnbau der A71 angeordnet. Hier wurde in großem Stil „von Amts wegen“  Eigentümerermittlung betrieben. Das war die Lösung!

Nach mehreren Mitgliederversammlungen unserer heimischen Forstbetriebsgemeinschaft stand fest: Wir wollen auch so ein Flurbereinigungsverfahren! Mittlerweile haben wir in Wölfershausen ein Pilotprojekt Waldflurbereinigung  „Wölfershäuser Wälder“. Mit dessen Hilfe wurde unsere Waldgenossenschaft wiederbelebt und dient nun als Kristallisationspunkt für beitrittswillige, benachbarte Privatwaldbesitzer. Im Verfahren sind insgesamt über 600 Kleinstflurstücke. Das Interesse am Beitritt zur Waldgenossenschaft ist riesig.

Wo sehen Sie die größten Vorteile für Waldeigentümer als Mitglied einer Waldgenossenschaft?

Da Waldgenossenschaften im eigenen Interesse denken und handeln, gibt es eine Vielzahl von bemerkenswerten Vorteilen einer  Mitgliedschaft.

Waldgenossenschaften werden zumeist von ehrenamtlichen Vorständen geleitet. Mit Fachwissen, Ortskenntnis und viel Erfahrung wissen sie, wie ihr heimischer Wald „tickt“, denn im Wald spielt langfristiges Handeln die wichtigste Rolle. Viele Waldgenossen vor Ort haben den Wald schon beim „Gassi gehen“ oder der täglichen Laufeinheit im Blick. Es ist also auch eine regelmäßige “Überwachung“ des Waldeigentums da, die man als Einzelperson so nicht gewährleisten kann. Dies ist auch in Zeiten von Kalamitäten (Anm.: Massenvermehrung von Schadinsekten) von Vorteil, damit ins Schadgeschehen schnell eingegriffen werden kann.

Apropos  Kalamitäten: als einer von vielen Waldgenossen verteilt sich das Risiko eines Totalschadens ausgerechnet auf meinem Waldgrundstück auf alle Schultern. Dass Käfer oder Sturm den kompletten großen Wald der Genossenschaft zerstört ist wohl weniger wahrscheinlich. Auch die Reparatur muss ich dann nicht alleine tragen.

Der Regelfall ist natürlich die ungestörte Bewirtschaftung des Waldes. Es wird alles für die Werterhaltung des Waldeigentums getan, angefangen von der Waldbegehung im Oktober 2014.1Interessensvertretung in der Jagdgenossenschaft, der Anpassung der Baumarten an den Klimawandel, der Bestandespflege und –nutzung. Anfallendes Holz kann aufgrund größerer Verkaufsmengen wertoptimiert ausgehalten und verkauft werden, als Kleinprivatwaldbesitzer habe ich entweder keinen Marktzugang oder nicht verkaufsfähige Holzmengen (Stichwort „LKW-Ladung“).  Nutze ich alles anfallende Holz selbst als Brennholz, dann landen die Furniere im Ofen. In der WG wird nur das zu Brennholz, was auch wirklich Brennholz ist, und es wird zum Vorteilspreis an die eigenen Waldgenossen verkauft.

Ein Teil der Erlöse wird im Wald reinvestiert, z.B. in den Schutz des Ökosystems oder in die Infrastruktur, ein Teil für „Notfälle“ zurückgestellt. Der andere Teil wird an die Mitglieder ausgeschüttet. Die Mitglieder sind je nach Anteil an Gewinn und Verlust einer WG beteiligt.

Kostenseitig übernimmt die Waldgenossenschaft anfallende Beiträge zur Berufsgenossenschaft, Beförsterung und Steuerberatung etc.  Auch hier gibt es einen Vorteil für Mitglieder. Durch die jährliche Gewinnermittlung fallen häufig kleine Beträge an, die vor allem bei den weniger vermögenden Waldgenossen in die jährlichen steuerlichen Freibeträge passen und damit steuerfrei sind. Hier sind die meisten jungen Leute, Familien oder Rentner -also der „kleine Mann“- klar im Vorteil.

Alle Vorteile ergeben sich also aus der gemeinsamen Bewirtschaftung, deshalb steht die Gemeinschaft immer im Vordergrund.

Als Mitglied in der Waldgenossenschaft ist man Teil eines „größeren Ganzen“. Austausch, Geselligkeit und Zusammenhalt sind uns wichtig. Gemeinsame Aktionen im Wald und im Ort vermitteln Wissen, Naturerlebnis und Zugehörigkeitsgefühl.

Waldbegänge mit „Bratwurst und Bier“, kleinere Arbeitseinsätze, Weihnachtsbaum- und Reisigverkäufe, Tages- oder Zweitagesausflüge zu unseren größeren Holzkunden verbunden mit Kulturgenuss  stärken den Zusammenhalt in unserem  Dorf, unserer Region. Der dörfliche Zusammenhalt gibt viel Sicherheit.

Und wenn man als auswärtiger, urbaner  Waldbesitzer nicht so intensiv am Leben der Waldgenossenschaft teilnehmen kann, so ist man dennoch in „bequemen Waldbesitz“!